Bart und Barbier


Während die Welt wieder einmal aus den Fugen gerät, Säbelrasseln und Kriegsgebrüll zu hören ist, flüchtet sich Ihr Autor an einen Ort der Ruhe und Entspannung. Alle vier Wochen hat er einen Termin, den er nicht um alles in der Welt verschieben würde.

Wenn ich mich heute im Spiegel ansehe, fällt es mir schwer, mich ohne ihn zu denken. Ich liebe ihn, meine Frau liebt ihn, der Sohn auch. Einige behaupten, er mache mich älter. Andere meinen, er verdecke Gesicht. Doch wenn ich ehrlich bin, sehe ich mich erst, wie ich sein will, seitdem ich ihn trage.


Die Rede ist natürlich von meinem Bart.


Er ist natürlich nicht mein erster Bart. Als Jugendlicher habe ich, wie die meisten anderen wohl auch, mit den verschiedensten Varianten experimentiert. Oberlippen-, Backen-, Goatiebart schmückten alle zum einen oder anderen Zeitpunkt mein eher unscheinbares Gesicht. Je nach musikalischer Vorliebe, modischer Haltung oder beruflicher Verpflichtung war ich mal gesichtsbehaart, mal glattrasiert. Doch erst der seit einigen Jahren wachsende Vollbart gibt mir das Gefühl, ich selbst zu sein. Klingt vielleicht merkwürdig, aber ich bin damit sicher nicht alleine.


Vor wenigen Jahren noch undenkbar, hat sich selbst in konservativen Kreisen der Bart wieder als Ausdruck individuellen Stils etabliert. Was noch vor nicht allzu langer Zeit jugendlichen Hipstern und eigenwilligen Exzentrikern vorbehalten zu sein schien, erlebt inzwischen in fast allen Bereichen der Gesellschaft eine Renaissance. Nicht nur Kulturschaffende und Kreative schmücken sich mit dem Gesichtshaar. Auch TV-Moderatoren, Profis aus der Wirtschaft und der Politik tragen ihn wieder. Und das nicht ausschließlich als ostentatives Zeichen dauerverhandelnder Überarbeitung, sondern auch als ernstgemeintes stilistisches Statement. Der Bart hat wieder einmal Konjunktur.


Ich schreibe „wieder einmal“, weil der Bart, jenes Testosteron bedingte gesichtshaarige Überbleibsel unserer Evolution, schon immer ein Fokuspunkt ästhetisch-ideologischer Auseinandersetzung gewesen ist. Die Geister, nicht nur der religiösen Eiferer unterschiedlichster Couleur, die ich gerne hier in diesem Text weitgehend ignorieren will, scheiden sich am Bart. Sehr lange schon.


Anthropologen wissen, dass wir seit mehr als 20.000 Jahren die Kunst der Rasur beherrschen. Wer sein Gesichtshaar wachsen lässt, tut dies also ganz bewusst. Der Bart ist Ausdruck der Natur und Kultur zugleich.


Schon die alten Ägypter nahmen ihn recht ernst. Angehörige derer Oberschicht färbten ihr Geschichtshaar henna-rot und webten feine Goldfäden hinein. Auch die Griechen des Altertums gingen selten ohne Bart. Glatte Wangen galten ihnen als effeminiert. In Rom markierte die erste Rasur den Übergang des Jünglings zum Manne. Feldherren schmückten sich mit Bart, Senatoren gingen gerne ohne.


Auch spätere Völker, Vandalen, Germanen, Gallier und Wikinger - ohne alle unbotmäßig vereinfachend in einen Topf werfen zu wollen - hielten den Bart als Zeichen ihrer Männlichkeit in Ehren. Der Gesichtsschmuck wurde mit Sorgfalt gepflegt, geflochten, mit Perlen geschmückt und auch gefärbt. Zwar setzte sich im Mittelalter eine merkwürdige Bartlosigkeit im Klerus durch, für die meisten anderen blieb das Gesichtshaar doch wichtiger Ausdruck männlicher Identität.


Eine Theorie aus der Renaissance sah im Bart ein Abfallprodukt überhitzter Testikel und der Bartwildwuchs galt als Zeichen eines cholerischen Charakters. Man stutzte, pflegte und lockte den Bart und nutzte seine Existenz, um sich – ganz im Sinne der damaligen Zeit – als Individuum zu präsentieren. Aufklärerische Geister des 17. Jahrhunderts hingen später oft bartlos ihren philosophischen Gedanken nach. Als bräuchte ein klarer Geist ein glattpoliertes Antlitz. Der Bart geriet ein wenig aus der Mode, sollte jedoch bald mit voller Wucht zurückkehren.


Das Aufkommen moderner Rasierer und eine neue urbane Barbier-Industrie beschleunigten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Veränderung der Bartkultur. Eine nie zuvor gekannte Formvielfalt entstand. Vollbärte, Backenbärte und Schnurbärte jeder Größe und Form schmückten den Mann dieser Zeit.


Europa schickte sich damals an, die Welt zu kolonialisieren, Militärs und Abenteurer machten den großen Bart salonfähig. Der zu Hause gebliebene Bürger ahmte es ihnen fleißig nach. Viele Bärte dieser Zeit evozierten Eroberungswillen, verwegene Virilität und Abenteuerlust, auch wenn man seinen Alltag in der Amtsstube oder hinter einem Bankschalter verbringen musste.


Im späten neunzehnten Jahrhundert begann sich auch - ein Glück für den historisch interessierten Pognophilen (Bartliebhaber, für die, die es nicht schon ahnen konnten) – das Lichtbild als Mittel der bürgerlichen Selbstdarstellung durchzusetzen. Die großbärtigen Männer der Zeit schlüpften in ihre Sonntagsanzüge, stellten sich vor Pappkulissen auf und blickten bedeutungsschwer für Fotografen und Nachwelt in die Ferne. Auch auf den Portraits früher Vertreter des ewig auf Wachstum ausgerichteten Kapitalismus sieht man viel extravagantes Gesichtshaar. Den Großindustriellen war der Wachstumsgedanke ins Gesicht geschrieben.


Etwa Mitte des letzten Jahrhunderts entwickelte sich das Bürgertum allerdings zusehend zu einer Hochburg der Glattrasierten. Angepasste Stromlinienförmigkeit, nicht nur im Automobildesign, war eine nachgesuchte Qualität. Der fleißige Mann der wirtschaftswundernden Nachkriegsjahre hatte sich und sein Gesichtshaar unter Kontrolle. Bärte waren Arbeitern, Revoluzzern, Kommunisten, aufmüpfigen Beatniks und kiffenden Hippies vorbehalten.


Die Hippies waren es dann auch, die den Bart wieder in den Mainstream brachten. Buschig lange Koteletten, Schnurr- und Vollbärte und längeres Haupthaar wurden wieder modisch. Bis sie wieder verschwanden, um wieder zu kommen, um wieder zu verschwinden.


Heute hat sich – zumindest im Westen - der Bart weitgehend vom ideologischen Ballast befreit. Er provoziert nicht mehr und ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Er ist frei. Kaum einer nimmt Anstoß am Bart. Er sollte aber gepflegt sein.


Der Barbier

Etwa Mitte des letzten Jahrhunderts galt er hierzulande fast als ausgestorben, dabei ist der Beruf seit Ewigkeiten schriftlich verbürgt. Schon in der Antike arbeiteten Barbiere. In Rom war es üblich, dass sich nicht nur freie Männer gegen Bezahlung rasieren ließen, sondern auch Sklaven. Im Mittelalter waren Barbiere in europäischen und vorderorientalischen Badehäusern tätig. Während sie einen Großteil ihrer Arbeitszeit auf den Schnitt und die Pflege von Haupt- und Barthaaren verwendeten, waren sie auch für Zahnextraktionen, die Verabreichung von Einläufen, für die Wundversorgung und auch für gewisse andere, damals als medizinisch betrachtete Anwendungen wie Aderlässe und Blutegelbehandlungen zuständig. Bis ins 15. Jahrhundert waren auch chirurgische Eingriffe beim manchem Barbier im Angebot. Der allseits bekannte Barber’s Pole, Erkennungszeichen für den Schaffensort des Barbiers, hat seine Ursprünge in dieser Zeit. Angeblich symbolisieren die spiralförmig angeordneten Farben Weiß (für Zähne), Rot (für Blut und Aderlass) und Blau (Haarpflege und Rasur) die drei Arbeitsbereiche.


Lange konnten sich Barbiere auch nach Anbruch der Moderne halten, doch die Verbreitung der Eigenrasur, die mit der Erfindung der Rasierhobel zu Beginn des letzten Jahrhunderts einherging, nahm dem Beruf eine wichtige Einnahmequelle. Als in den Sechzigern und Siebzigern auch noch längere Haare modisch wurden, schien der Untergang des Barbiers besiegelt. Männer rasierten sich selbst, oftmals auch elektrisch und gingen in den Uni-Sex Salon, wo sie zwischen Haubentrockner, Haarspray und Damenzeitschriften eine eher traurige Erscheinung abgaben.


Auch meine Barbiergeschichte beginnt in einem Uni-Sex Salon. Die adrette, sehr nette junge Dame, die mir stets einen „tollen“ Schnitt zu verpassen suchte, den ich so gewiss nicht bestellt hatte, war wieder einmal zu weit gegangen. Natürlich war ich damit einverstanden gewesen, dass sie sich meiner Augenbrauen annahm, doch als ich einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel warf und eine eh schon nicht wirklich zu verleugnende Ähnlichkeit mit meiner Großmutter nun auch an meiner Brauenform entdeckte, war Schluss. In Zukunft wollte ich nur noch einen Profi an mich heranlassen.


Shpethim Osmani, wie der Barbier meines Vertrauens eigentlich heißt, hatte bei meinem ersten Besuch im Jahre 2013 gerade seinen eleganten Laden eröffnet und sich damit nach langen Jahren als angestellter Friseur endlich einen Jugendtraum erfüllt. Osmani, der unter dem Namen „Timi - Der Barbier“ arbeitet, stammt aus dem Kosovo. Seine Lebensgeschichte ist, wie die vieler Kosovaren seiner Generation, von Kriegserfahrungen, Flucht, Asylanträgen geprägt und dem willensstark verfolgten Ziel, sich mit Fleiß und Arbeit im Westen ein besseres Leben aufzubauen.



Der stolze Vater zweier Jungs ist mit ganzer Seele Barbier. Neben dem Spiegel an seinem Arbeitsplatz, vor dem eine Unmenge Flaschen mit allerlei duftenden Wässern versammelt sind, hängt neben dem Bild seiner beiden Söhne eine alte Schwarzweißfotografie. „Es zeigt einen Jungen mit ernster Miene und raspelkurzen Haaren bei der Arbeit in einem altmodischen Salon.“ Es ist der erst vierzehnjährige Osmani als Lehrling im Geschäft seines Onkels im Kosovo. Unter den wachsamen Augen seines Lehrmeisters übte er dreieinhalb Jahre lang die Kunst des Rasierens und Frisierens. In Deutschland machte er später seinen Meister, sparte und eröffnete im Jahre 2013 seinen Salon. Es sollte ein Ort für Männer sein. Eine Oase im stressigen Alltag, in die man sich hineinfallen lassen kann. Er traf damit als einer der ersten den Nerv der Zeit. Schnell sprach sich herum, dass Timi einer war, der seine Kunst nicht nur beherrschte, sondern perfektioniert hatte. Sein Kalender füllte sich, zeitweilig war er auf Monate hin ausgebucht. Bald musste er seinen Laden erweitern und inzwischen arbeiten drei weitere Barbiere im Salon. Einer davon ist sein Neffe. Der Kreis schließt sich also.



Wer heute das Glück hat, in Timi‘s hellen Laden im Stuttgarter Westen einen Termin zu bekommen, kann sich auf eine Behandlung der Sonderklasse freuen, die den alltäglichen Wahnsinn vergessen lässt. Während im Hintergrund Jazz und Swingklänge für den akustischen Rahmen sorgen, taucht man als Kunde unter seinen fachkundigen Händen ab. Wo anderenorts im boomenden Markt mit unnötigem Chichi und viel Show gearbeitet wird, wissen Osmani und seine Mitarbeiter genau, was ihre ausschließlich männliche Kundschaft will und vor allen Dingen braucht. Jeder Handgriff sitzt, keine Geste ist zu viel, alles ergibt Sinn. Die Rasur ist hier wie eine kleine Urlaubsreise.


Die heißen Kompressen, die meine Gesichtsporen öffnen sollen, sind exakt temperiert und duften nach Zitrone. Timi hat mich in eine fast liegende Position gebracht. Zur Entspannung gibt es eine Kopf- und Nackenmassage, ehe der Bart und die Gesichtshaut mit Öl auf die kommende Behandlung vorbereitet werden. Osmani arbeitet konzentriert und präzise. Mit einem Dachshaarpinsel wird der schwere Rasierschaum aufgetragen, bevor mit einem klassischen Messer rasiert wird. Es braucht schon ein wenig Vertrauen, sich dieser Behandlung hinzugeben, aber in all den Jahren unserer Beziehung bin ich nicht ein einziges Mal mit auch nur dem kleinsten Schnitt aus dem Laden gegangen. Den Bart selbst stutzt er mit Hilfe einer Vielzahl von elektrischen Schneidern. Formt mit den Fingern, zwirbelt, bürstet und kämmt. Wildwuchernde Augenbrauen, Nasenhaare und widerspenstige Stachel auf und in den Ohren werden ohne Gewese entfernt. Wer will schon auf seine Schwächen aufmerksam gemacht werden? Form und Länge des Oberlippenbarts werden kurz diskrt, aber ansonsten lasse ich dem Mann freie Hand. Er weiß, wie ich am besten aussehe. Verschiedene Öle, wohlduftende Salben und Wachse kommen am Ende zum Einsatz und führen zu einem Ergebnis, das ich selbst unter Aufbringung größter Mühe zu Hause nicht zustande bringe.

Wenn ich seinen Laden verlasse, um mich frisch der Welt zu stellen (dass Timi mir auch die Haare schneidet, versteht sich von selbst, steht aber auf einem anderen Blatt) ist es fast so, als trüge ich eine Rüstung. Eine Rüstung, die so aussieht, wie ich bin. Der monatliche Besuch bei meinem Barbier ist eine Art kleine Selbstversicherung. Ein Schritt, der zu werden, der ich bin. Und das kann in diesen Zeiten beileibe nicht schaden.


Text und Fotos: Mark Horyna



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